Magisches Denken |

„Lange bevor das, was ich schrieb, überhaupt veröffentlicht wurde, entwickelte ich ein Gefühle dafür, dass der eigentliche Sinn bereits im Rhythmus der Worte und Sätze und Abschnitte angelegt ist; eine Technik, um genau das zu verschweigen, was sich, wie ich vermutete, hinter einer immer undurchdringlicheren Fassade befand“, schreibt Schriftstellerin Joan Didion in Das Jahr des magischen Denkens [2006]: „Die Art, wie ich schreibe, ist das, was ich bin oder geworden bin …“ 

Und weil das wahr ist, können wir uns auch mit Hilfe des (Heil-)Schreibens (wieder) entdecken. Aber diese These allein ist es nicht, die dieses Werk lesenswert macht. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie jemand das Schreiben nutzte, um sich zu heilen: Didion versucht mithilfe des Schreibens, ihre damals aktuelle Lebensrealität zu erfassen, die ihr immer wieder zu entfliehen schien. Ihr Mann war während eines Abendessens kurz nach Weihnachten 2003 vom Stuhl gefallen, eine Reanimation blieb erfolglos. Binnen weniger Stunden war sie Witwe. Während sie erlebt, was sie erlebt, kommentiert sie ihr eigenes Verhalten und Fühlen. Es ist, als würde man einer Psyche bei dem Versuch beobachten, etwas zu bewältigen, was sie überfordert. 

Ein wesentlicher Aspekt von Trauma ist, das Geschehende nicht wahrhaben zu können und sich stattdessen eine Illusion zu konstruieren – „magisches Denken“. Didion zitiert die Mutter eines getöteten 19-Jährigen, die von seinen Vorgesetzten über das Unglück informiert werden sollte: „Solange ich ihn nicht reinlasse, kann er es mir nicht sagen. Und dann wäre es – nichts davon wäre passiert. Also sagt er immer wieder: ‚Hören Sie, Sie müssen mich reinlassen!‘ Und ich sagte immer wieder ‚Entschuldigen Sie, aber ich kann Sie nicht reinlassen.‘“ 

So fällt es Didion anfangs schwer, andere Menschen zu treffen, weil sie glaubt, ihr Mann käme nur dann zurück, wenn sie allein auf ihn warte: „Es gab eine Ebene, auf der ich glaubte, dass das, was passiert war, rückgängig gemacht werden konnte.“ [S. 39] Ebenso wenig kann sie seine Schuhe entsorgen. Die bräuchte er doch, wenn er wieder da wäre. Und sie ertappt sich dabei, wie sie darüber nachdenkt, „ob es in Los Angeles auch passiert wäre.“ [S. 37]

Und noch einen Aspekt zeigt sie sehr schön: Wie schwer es ist, sich die eigene Ohnmacht einzugestehen. Bis zu dem Zeitpunkt, da sie den Autopsiebericht zu lesen bekommt (fast ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes), glaubte sie: „ich hätte in der Lage sein müssen, ihn zu retten.“ [S. 28] Immer wieder wird klar, dass sie die Ereignisse nur rekonstruiert, in der Hoffnung, die Zeit damit zurückzudrehen. 

Höchst spannend und ja, auch durchaus unterhaltsam, wenngleich man dabei immer wieder mitgerissen wird, als würde man diesen Alptraum selbst durchleben.

Joan Didion: Das Jahr magischen Denkens. List, 2006.

 

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