Wut – gesunde Abwehrreaktion

Manchmal sehe ich einfach nur noch Rot

Eine überfordernde Erfahrung führt immer dazu, dass unser Organismus ganz automatisch massenhaft Adrenalin und Kortisol ausschüttet. So soll sichergestellt werden, dass wir uns schnell und bestmöglich verhalten können. Diese Hormone befähigen uns nämlich, blitzschnell zu reagieren und ungewöhnlich viel Kraft aufzuwenden. Indem sie das Herz rasen und Blutdruck steigen lassen, wird mehr Sauerstoff zu den Zellen transportiert und Energie freigesetzt, um weglaufen oder kämpfen zu können. Diese Energie im Körper wahrgenommen ist es letztendlich, die wir als Aggression oder Wut bezeichnen.

Würden Kampf oder Flucht unsere Überlebenschancen jedoch verringern, unterdrückt unser Organismus intelligenterweise diese ungeheuren Energien ganz von selbst. D.h., dass wir noch mehr Kraft aufwenden, als bereits aktiviert ist. Wir bekämpfen unseren natürlichen Impuls, uns zu verteidigen oder der gefährlichen Situation zu entfliehen. Unser parasympathischer Nervenstrang, und zwar der dorsale (hintere) Teil davon sorgt dafür, dass wir „kollabieren“ und somit unsere Abwehrkraft unterdrücken – ein Nährboden für Burn-out und Depression.

Überfordernde Erfahrungen sind also ohne Aggression und Wut gar nicht denkbar. Da das Empfinden von Wut durch die Traumasituation an Todesangst gekoppelt wird, erleben wir es dann oft als gefährlich, Wut wahrzunehmen, ja sie uns überhaupt einzugestehen. Abgesehen davon, dass sie – falls Elternteile Täter an uns geworden sind – unsere Bindungsbeziehungen bedrohen würde.

Die chronische Unterdrückung der Wut ist im Grunde Autoaggression. Sie nimmt uns auch die Möglichkeit, unsere Kraft wahrzunehmen, etwas zu verändern, zu bewegen, uns als selbstwirksam zu erfahren. Nicht zuletzt ist Wut das beste Antidot für Schamgefühle. Andersherum ausgedrückt: unterdrückte Wut und Scham hängen eng zusammen. 

Während viele Therapien besonders in den 80er Jahren den Weg darin sahen, die Unterdrückung (den Widerstand) zu durchbrechen und die Wut auszuagieren oder abzureagieren, zeigt die aktuelle Forschung, dass dieser Umgang eher dazu führt, die Disregulation des Nervensystems zu unterstützen und die bereits überlasteten, daueralarmierten Synapsen weiter zu befeuern. Inzwischen gibt es bessere Arten mit der Wut umzugehen. Sie kann nämlich gewinnbringend gefühlt werden. Indem man die Energie in ihr wahrnimmt und die eigenen Körperreaktionen dabei genau beobachtet, kann sie als Lebenskraft erfahren werden.