Die Spaltung aufrechterhalten

Wir kriegen das schon irgendwie hin!

Einmal abspalten reicht nicht. Wir müssen uns bemühen, diese Spaltung aufrechtzuerhalten. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Strategien. Die einfachste ist es, die »unliebsamen« und inzwischen als gefährlich empfundenen Gefühle wie Aggression und Wut gar nicht wahrzunehmen: »Ich hatte eine wunderschöne Kindheit.« Man redet sie klein: »Ein paar Schläge haben noch keinem geschadet?« Sehr verbreitet ist auch das sogenannte spirituelle bypassing: Man verzeiht und vergibt oder sieht in körperlichen Übergriffen »Prüfungen von höheren Mächten«.

Gesellschaftlich höchst anerkannt ist es, sogenannte Symptome zu »bekämpfen« – mit Medikamenten, Operationen, Positivem Denken, Meditation und vielem anderen mehr. Natürlich gehören auch Rauchen, Alkohol, Medikamente, Drogen, Arbeitswut und Sexsucht dazu. Und es gibt noch eine weitere Strategie, unverarbeitete überwältigende Erfahrungen nicht wahrnehmen zu müssen: physische Krankheiten. Wer heute krank wird, richtet seine Aufmerksamkeit verständlicherweise auf seine körperliche Verfassung, anstatt sich mit den beunruhigenden unbewussten »Erinnerungen« an die Vergangenheit zu beschäftigen. 

Autoaggression

Je nach Ursache und Heftigkeit des erfahrenen Traumas wird es vielleicht sogar nötig, die Kraft und Energie, die man ursprünglich gegen den Angreifer richten wollte, nun gegen sich selbst zu richten. Innere, lähmende Konflikte erfolgen daraus, aber auch autoaggressive Reaktionen und Krankheiten jeder Form sind denkbar. Auch psychische Krankheiten sind gute Möglichkeiten, die eigenen biografischen Erlebnisse zu verschleiern. Das wird an der Symptomatik von chronischer Unterdrückung (»Depression« genannt) sehr deutlich: Gefühle dimmen, bis man nichts mehr spürt, keine Angst, keine Sehnsucht, keinen Schmerz. Leider werden damit auch Liebe und Freude sowie Lebenskraft nicht mehr wahrnehmbar. Was übrig bleibt ist Leid und eine sehr lange Liste von 

»Begleitschäden«

Ein bisschen weniger fühlen, den Körper nicht ganz so doll spüren, vielleicht nicht so viel Lust beim Sex erfahren, das alles könnte man in Kauf nehmen, wenn nicht noch anderes unter der Selbstunterdrückung Schaden nehmen würde, nämlich die eigene Identität: Wer bin ich? 

Wer bin ich, wenn ich meine Strategien aufgebe? Wer bin ich hinter all dem, mit dem ich mich identifiziere? Wer bin ich, wenn ich die Erwartungen der anderen nicht erfülle? Wer wäre ich, wenn mein Nervensystem nicht chronisch überlastet wäre? Wenn ich einfach so entspannen könnte? Und wie sähe mein Leben aus, wenn ich mich anderen Menschen ganz selbstverständlich verbunden fühlte, anstatt zu glauben, dass ich um ihre Zuneigung kämpfen muss? Kann ich mir erlauben, mich anderen zugehörig zu fühlen? Kann ich Nähe zulassen? Oder gibt es etwas in mir, das diesen Kontakt verbietet? Halte ich dieses und weitere elementare Bedürfnisse zurück? Erlaube ich mir meine Kreativität, meine Lebenslust, meine Freude zu leben? 

Wer bin ich?

Wer nicht weiß, wer er eigentlich ist, weiß in der Regel auch nicht, was er will und wohin er will. Welcher Beruf erfüllt mich? Ist mein Partner/meine Partnerin der/die Richtige für mich? Wo und wie will ich leben? Was sind meine Werte?

Daran schließt sich für manche die Frage nach dem Lebenssinn an: Warum bin ich überhaupt auf der Welt? Was will ich mit meinem Leben anfangen?

Was will ich?

Dient mein Wille wirklich mir? Wie kann ich das feststellen, wenn ich nicht weiß, wer ich bin? Ohne eindeutigen Ich-Bezug ist auch unklar, welche Gefühle eigentlich meine sind. Deshalb leiden Menschen oft unter dem Phänomen, Gefühle zu fühlen, die sie nicht als zu sich selbst zugehörig erachten. Sie leben in den Gefühlen ihrer Eltern oder Vorfahren. Oder auch in den Gefühlen von Partnern und Kollegen. Manche Menschen können nicht mal in die Öffentlichkeit gehen, weil sie sich von den Gefühlen anderer Menschen regelrecht überflutet fühlen.

Das können Sie ändern!

Zum Glück wird durch die (Hirn-)Forschung immer klarer, wie die Psyche funktioniert und was sie braucht, um sich von solchen Überbeanspruchungen zu erholen. Inzwischen wissen wir, wie wir unsere Wahrnehmung zurückerobern können, ein gesundes Ich-Gefühl und einen eigenen Willen entwickeln und nach und nach eine stabile eigenen Identität aufbauen können. Denn das Gehirn bleibt bis an unser Lebensende lernfähig.