Von Leben zu Überleben

Ich bin viele, ich würde gerne wissen warum?

In einer Gefahrensituation aktiviert unser Organismus in Nullkommanichts alle verfügbaren Kräfte. Dafür ist es notwendig, dass das Herz schneller schlägt (rast), der Blutdruck in die Höhe schießt. Die Pupillen verengen sich, alle Energie strömt ins Gehirn, gleichzeitig werden die zentralen Organe (Verdauung, Sexualität) nur noch minimal versorgt. (Dies erklärt, warum Menschen mit unverarbeiteten Traumaerfahrungen sehr oft unter Problemen mit der Verdauung oder der Sexualität leiden.)

Diese extreme Aktivierung unserer Energiereserven ist aber nicht nur kräftezehrend. Ein Organismus kann so einen Zustand allenfalls wenige Minuten aufrechterhalten, bevor er Schaden nimmt. Gefäße können platzen, das Herz und andere Organe versagen.

Um das zu verhindern, wird der Dorsale Vagus aktiviert, ein Strang des parasympathischen Nervensystems. Dieser zwingt Herzfrequenz und Blutdruck in einen Bereich zurück, der nicht länger lebensgefährlich ist. Da die Ursache nicht gelöst, demnach die Gefahr nicht gebannt ist, die Situation also nicht bewältigt wurde, bleiben beide Nervensysteme, Sympathikus und Parasympathikus hoch erregt – ein extrem instabiler Zustand. So kommt es, dass Kinder und Erwachsene oft äußerlich sehr entspannt wirken, gleichzeitig aber unter chronischer Anspannung, Schlafstörungen, Überreizung leiden. Entspannungsmethoden und Meditationen bleiben hier wirkungslos, können den Zustand sogar verschlimmern.

Es bleibt aber nicht bei den Folgen für den Körper und das Nervensystem. Auch die Psyche muss Wege finden, mit dieser unbewältigten (Lebens-)Situation klar zu kommen. Entwicklungstrauma ist immer ein Bindungsgeschehen. Wenn Eltern uns schlecht behandeln (Vernachlässigung, Gewalt …) müssen wir die Wut (gesunde Abwehrreaktion) loswerden. Sie auszuleben würde in der Regel dazu führen, dass wir noch weniger von dem bekommen, was wir eigentlich brauchen: Zuwendung, Nähe, Kontakt. Daher spalten wir diese Abwehrreaktion ab. Wir geben uns lieb und nett, versuchen die Erwartungen zu erfüllen, und unterdrücken unsere Wut. Damit wir das hinkriegen, müssen wir die Wahrnehmung der Gefahr ausschalten. Das, was wir sehen, hören, fühlen, spüren dürfen wir nicht mehr für wahr halten – wir geben die Einheit unserer Selbst auf. Wir leugnen die Realität und kappen die Verbindung zu unseren wahrnehmenden Organen, zu unserem Körper, zu unseren Gefühlen, zu unserem Verstand. Dafür ist es notwendig, sich selbst in Frage zu stellen – ein Teufelskreis beginnt.

Nach der Spaltung
Der Begriff „Spaltung“ verführt zu der Vorstellung, dass die mit dem Trauma verbundenen unerträglichen Gefühle wie Ohnmacht, Hilflosigkeit, Scham und Wut danach nicht mehr vorhanden sind. Aber das ist nicht der Fall, sie existieren weiter, nur außerhalb unserer Wahrnehmung. Zudem muss nach der „Spaltung“ sehr viel Energie darauf verwendet werden, diese schmerzlichen Gefühle fortwährend aus dem Bewusstsein auszublenden. Das ist, als würde man versuchen, einen aufgeblasenen Ball fortwährend so tief unter die Wasseroberfläche gedrückt zu halten, dass ihn niemand, sieht … nicht mal wir selbst.

Daueridentifikation mit dem Trauma
Das kostet nicht nur viel Kraft, sondern bindet auch viel Aufmerksamkeit und bedeutet eigentlich: Im Versuch, diese Gefühle nicht wahrzunehmen, sind wir ständig mit ihnen beschäftigt.

Symptome
Symptome können auf körperlicher Ebene entstehen: Entzündungen, Schmerzen, Verdauungsprobleme, Hautausschläge und andere Krankheiten. Emotional äußern sie sich in Überforderungsgefühlen, chronische Unzufriedenheit, Lustlosigkeit oder Verzweiflung, Scham- und Schuldgefühlen. Kognitiv sind es nicht selten Konzentrationsstörungen, wiederkehrende negative Gedanken, Selbstzweifel, Selbstkritik … dazu Unruhe, Schlafstörungen, Komplikationen in der Sexualität u.v.m.