So wird Erleben zu Überzeugung

Niemand soll sehen, wie es mir wirklich geht

Als Kinder können wir uns in einer schlechten Umgebung nicht gut fühlen. Wenn wir in einem Klima von Spannungen, emotionaler oder physischer Gewalt aufwachsen oder nicht das bekommen, was Kindern selbstverständlich zusteht (feinfühlige Aufmerksamkeit, versorgt, verstanden, gesehen, unterstützt, gefördert werden …), fühlen wir uns schlecht. Hält dieser ungesunde Zustand lange an, integrieren wir das Versagen der Umwelt in unsere Identität. Weil wir nicht bekommen, was wir brauchen, glauben wir, selbst versagt zu haben. So wird aus einer fortdauernden Lebenssituation, in der wir schlecht behandelt wurden, die Überzeugung: „Ich bin schlecht.“ Und aus der Tatsache, dass wir nicht die Liebe erhalten, die wir brauchen, ein: „Ich bin nicht liebenswert.“ Und wer nicht die Fürsorge bekommt, die für eine gesunde Entwicklung nötig ist: „In dieser Welt bekommt man nicht, was man braucht.“ 

Wird uns diese Erfahrungen immer wieder bestätigt, werden wir fortwährend schlecht behandelt, werden diese negativen Erfahrungen nicht durch positive ergänzt, wird Vermeidung zur besten Strategie: Wir schämen uns für unsere Bedürfnisse und sprechen sie nicht mehr aus. Wir schämen uns dazugehören zu wollen, und ziehen uns zurück. Wir schämen uns für den eigenen Körper, und pflegen ihn nicht mehr oder operieren daran herum, quälen ihn mit rigiden Ernährungsregimes. Wir schämen uns für unser Geschlecht oder unsere sexuellen Bedürfnisse und verstecken es oder überspielen es. 

Wenn Eltern starre Vorstellungen für ihren Nachwuchs haben, fühlen sich die Kinder vielleicht dafür schuldig, ein eigenes Leben leben zu wollen, eigene Ziele verwirklichen zu wollen, eine eigene Meinung zu entwickeln. Kinder fühlen sich schuldig dafür, das Leben zu genießen und erfolgreich zu sein, wenn ihre Eltern leiden, depressiv sind oder in finanzieller Armut zu leben. Sie fühlen sich schuldig, lebendig und lebensfroh durchs Leben zu springen, wenn sich die Eltern von dieser Lebendigkeit bedroht fühlen.

Scham und Schuldgefühle sind hervorragende Lösungen für unaushaltbare Lebensumstände. Leider haben sie den Nachteil, dass sie auch dann fortwirken, wenn sich die Umstände längst verändert haben. So hält man sich auch als Erwachsener weiterhin klein, obwohl man längst nicht mehr mit den Eltern zusammenwohnt, sie vielleicht sogar längst gestorben sind. Dann ist es Zeit, die Strategien zu überprüfen und durch bessere zu ersetzen, die vollen Selbstausdruck, Lebensfreude, Erfolg, befriedigende Sexualität und guten Kontakt mit sich selbst und anderen unterstützen.

Zum Thema Scham hat Manuela Komorek im Rahmen des Aufstellungskongresses zu Paarbeziehungen im September 2016 ein Interview mit mir geführt. Darin erkläre ich in circa neun Minuten ein paar Ursachen für lähmende Schamgefühle und zeige Wege auf, wie man aus ihnen herausfindet.

Interview beim Paarkongress 2016

Hier geht's zum Video: Lähmende Scham überwinden