Die Wunderpflanze Rizinus

Das Wort „Rizinus“ jagt vielen Menschen einen Schauer über den Rücken. Man verbindet diese Pflanze mit Magenschmerzen, Durchfall und Würgereiz. Die Einnahme von Rizinus gilt schon fast als Synonym für Strafe. Dabei ist Rizinus ein großes Heilmittel – günstig in der Anschaffung, jedermann zugänglich und bei so vielen Beschwerden hilfreich, dass man es fast als Allheilmittel bezeichnen könnte.

In diesem Buch erfahren Sie alles Wesentliche über die Pflanze: Ihre Geschichte, ihre Inhaltsstoffe, ihre Anwendung in den verschiedenen Kulturkreisen und auch ein bisschen über die Magie und das Mysterium der Pflanze, die im Volksmund nicht umsonst aufgrund ihrer wundersamen Wirkungen Palma Christi – die Hand von Christus – genannt wird.

Dreiviertel des Buchs beschäftigt sich ausführlich den verschiedenen Anwendungsmethoden: mit der Einnahme, mit Einreibungen und den heilenden Wickeln sowie genauen Anleitungen für die Behandlung von Krankheiten der Atmungsorgane, Knochen und Muskeln, Nerven, Sinnesorgane, venösen Leiden und der Harnwege. Leicht nachvollziehende Anleitungen machen dieses Buch zu einem Muss in jeder Hausapotheke.

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Leseprobe

Wunderpflanze Rizinus: Das Geheimnis der Palma Christi

Mit Massage, Wickel und Tee zu 
schönerer Haut, besserer Verdauung 
und einer starken Abwehrkraft

Rizinus ist ein Mittel, bei dessen Erwähnung vielen Lesern gleich ein Schauer über den Rücken läuft, verbindet man es doch mit Magenschmerzen, Durchfall und Würgereiz. Die Einnahme von Rizinus gilt schon fast als Synonym für Strafe. Woher wir im Westen diese Assoziationen nehmen, ist unbegreiflich, denn keines dieser Vorurteile ist wahr.

Aber gerade sie haben dazu beigetragen, dass das Rizinusöl fast verdrängt wurde. Und das ist schon nahezu eine kleine Katastrophe, sieht man doch überall auf der Welt tagtäglich, dass man mit diesem Mittel die verschiedensten Krankheiten schmerzlos, einfach und billig heilen kann. Mit der Pflanze, die praktisch in allen Klimazonen und dazu noch sehr schnell gedeiht, behandelt man eben nicht nur Verstopfungen und eine Vielzahl anderer Verdauungsstörungen. Ihre Bestandteile weisen eine fast unübertroffene Wirksamkeit bei der Behandlung von allen möglichen Hautproblemen auf. Zudem ist erkannt worden, dass Rizinus die überaus wichtigen Abwehrkräfte anregt. Er lindert Schmerzen, fördert die Wundheilung, kräftigt bei Erschöpfung, entspannt, heilt Entzündungen und vieles mehr. Die Anwendungen sind von jedermann ohne großen Aufwand auszuführen, zudem bringen sie schnell den gewünschten Erfolg. Nicht von ungefähr hat man ihr Namen wie Palma Christi gegeben, Creutzbaum und sogar Wunderbaum. Mit diesem Buch wollen wir das Wunder Rizinus wieder in den Mittelpunkt stellen, das sich die Industrie .längst zunutze macht. In zahlreichen Kosmetikprodukten ist ihr Öl enthalten, wie zum Beispiel in Lippenstiften, um die Lippen geschmeidig zu machen, in Haargels als pflegende Komponente und in Nagellackentfernern zum Schutz der Nägel. Auch aufgeschlossene Mediziner schwören auf ihre Wirksamkeit, daher wird das Öl in manchen Kliniken – vor allem in Amerika – als sicherste und nebenwirkungsfreieste Arznei zur Einleitung von Wehen verwendet.

Da das Rizinusöl erstaunlicherweise von wissenschaftlicher Seite bisher wenig erforscht wurde, haben wir in diesem Buch großen Wert auf die Vermittlung von Hintergrundwissen gelegt. So werden Sie über die volkstümlichen Anwendungsweisen und über unsere eigenen Erfahrungen informiert. Sie werden erfahren, was die Wissenschaft belegt und wie sich Mystiker die Wirkung dieser Pflanze erklären. Darüber hinaus erhalten Sie viele Tips, die Sie dazu befähigen sollen, selbst kreativ zu werden und die unterschiedlichen Wirkungen des Rizinusöls zu erforschen. Gleich ein Tip vorweg: Lesen Sie zuerst das ganze Buch, und wenden Sie sich nicht gleich den Rezepten oder Empfehlungen im Anwenderteil zu. Es ist wichtig, dass Sie sich zuerst mit den zugrundeliegenden Prinzipien vertraut machen, auch wenn diese noch so einfach erscheinen. Unser Ziel ist es, mit diesem Buch dazu beizutragen, dass dieses wundervolle Heilmittel sich auch in Deutschland wieder etabliert und seine vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten zunehmend genutzt werden.

Die Geschichte der Palma Christi

Ursprünglich stammt die Rizinuspflanze wahrscheinlich aus Indien, Afghanistan und dem tropischen Afrika. Manche Pflanzenhistoriker begrenzen ihr Herkunftsgebiet auf Abessinien.

Wann und in welcher Form sie zum ersten Mal als Heilpflanze eingesetzt wurde, ist unklar. Aber man weiß, dass sie schon vor über 4000 Jahren Menschen in der östlichen Hemisphäre von allerlei Beschwerden heilte. Seither ist sie ein fester Bestandteil der Volks- und Naturheilkunde und der pharmazeutischen und kosmetischen Industrie.

Dabei ist die Tatsache, dass sie bei so vielen Beschwerden Erleichterung verschafft, nach wie vor ein Mysterium. Die Erklärungsversuche hierzu reichen von der chemischen Analyse, führen über energetische Schwingungstheorien bis hin zu höchst spirituellen Gedanken.

Der Wunderbaum in der Bibel

»Und er (Gott) ließ eine Rizinuspflanze aufwachsen, die über Jona emporwuchs. Die sollte seinem Haupt Schatten geben und ihn vor Unglück bewahren, und Jona freute sich sehr über den Rizinus.« (Jona 4, 6. Zink, Jörg: Das Alte Testament. Stuttgart 1966)

Jona erfährt Erleichterung durch die Rizinuspflanze: Sie bietet ihm Schutz, und zwar nicht nur vor der sengenden Hitze, sondern auch vor Unglück (in manchen Ausgaben wird dieses Wort mit Arger übersetzt). Das Zitat zeigt, dass Rizinus, wie Sie im folgenden erfahren werden, bei den unterschiedlichsten Beschwerden Linderung bringt. (Interessanterweise verwendete man den Rizinus zwar als Brennöl in Lampen, doch trotz seiner Bekanntheit setzten weder die Hebräer noch die Völker der umliegenden Regionen ihn zu medizinischen Zwecken ein. In den Hochkulturen in Indien, Ägypten und bei den Sumerern dagegen wurde er sehr wohl genutzt und hoch geschätzt.)

Rizinus im Land der Pyramiden

Die alte ägyptische Heilkunde arbeitete mit einer Vielzahl von Heilpflanzen, das geht aus dem um 1600 vor Christus (v. Chr.) in Theben geschriebenen Papyrus Ebers hervor. Dieses berühmte Dokument enthält neben einer Reihe magischer Beschwörungs- und Zauberformeln auch eine Liste von Heilpflanzen. Uber 700 werden darin erwähnt, darunter die Rauschpflanzen Opium, Bilsenkraut, Mandragora sowie das magenstärkende Mittel Süßholz und das Herzmittel Meerzwiebel. Doch nur für Rizinus (der alte ägyptische Name dafür ist kiki) hat der Verfasser eine seiner Ansicht nach vollständige Liste der therapeutischen Vorteile erstellt: »Wenn man seine Wurzeln in Wasser zerstößt und dies auf einen kranken Kopf aufträgt, wird er sofort gesunden wie einer, der nicht krank ist. Aber wenn ein Mensch mit Durchfall ein wenig seiner Samen mit Bier zerkaut, dann wird die Krankheit aus dem Bauche des Menschen vertrieben. Außerdem kann man mit den Samen das Haarwachstum von Frauen fördern: Sie werden zerrieben und in Öl gemischt und dann auf dem Kopf der Frau verteilt. Weiters wird das Öl der Samen benutzt, denjenigen zu behandeln, der an einer Krankheit der Haut (die Übersetzung dieser Hieroglyphe ist bis heute noch nicht eindeutig gesichert) leidet. Man behandelt ihn, indem man das eben Beschriebene zehn Tage lang früh am Morgen in ihn einreibt, bis es vertrieben ist. Wirklich hervorragend, es hat sich oftmals bewährt!« Estes, Worth J.: The Medical Skills of Ancient Egypt. Canton, Massachusetts 1993.

In Ägypten wurde Rizinus zur Behandlung einer Vielzahl von Gesundheitsstörungen eingesetzt: Da schon damals seine abführende Wirkung bekannt war, bekämpfte man Krankheiten in Darm und Bauch. Er wurde aber nicht nur innerlich angewendet, sondern auch für den äußerlichen Gebrauch empfohlen, zum Beispiel zur Linderung von Hautkrankheiten. Außerdem diente das Öl als Brennöl und zur Herstellung von Salben.

Es gab eine Zeit, in der das Öl in Ägypten so hoch geschätzt wurde, dass es sogar als Zahlungsmittel diente. Aus einem anderen Papyrus von 1165 v. Chr. geht hervor, dass Ärzte

und Arbeiter mit Schuhen, Bronzetöpfen, Sandalen, Körben und Flaschen von Rizinusöl entlohnt wurden. Neuzeitliche Funde bestätigen, dass die Samen dieser wundersamen Pflanze schon 4000 Jahre vor unserer Zeitrechnung hochrangigen Personen als Totenbeigabe mitgegeben wurden. Das bedeutet, dass sie schon damals eine sehr wichtige Rolle in der Religion einnahm.

Wie alle anderen Heilpflanzen auch, wendeten die alten Ägypter Rizinus mit Hilfe der Weisheit von Isis, Gattin des Osiris, an. Als Mutter der Erde ist sie Göttin und Gebieterin der Pflanzen und kennt die Geheimnisse ihrer Anwendung. Man musste sie zur Heilung anrufen.

Das Heilmittel der alten Griechen

Auch im Griechenland der Antike schätzte man Rizinus unter anderem als Abführmittel. Es wird angenommen, dass man die Pflanze hier zum ersten Mal großflächig anbaute, um Öl aus ihr zu gewinnen. Herodot (484 – 407 v. Chr.) berichtete von der Kultivierung der Silikyprion an Fluss- und Seeufern. Plinius (23 – 79 nach Christi [n. Chr.]) erwähnte die Pflanze als ciki, croton und sesamum silvestre. Ihm wird auch die Erfindung der Bezeichnung ricinus (lat. für Hundezecke) für die Samen zugeschrieben.

Dioskurides (ca. 40 – 80 n. Chr.), ein griechischer Arzt aus Anazarbos, verfasste zwischen 50 und 70 n. Chr. fünf Bände über »Die Substanzen der Medizin« (lat. De materia medica). Darin trug er das Wissen über mehr als 1000 Heilpflanzen und andere Natursubstanzen aus verschiedenen Ländern zusammen. Er testete, kodifizierte und ordnete sie und erfasste ihre Eigenschaften sowie die Aufbereitung und Wirkungen dieser Drogen.

Seine Arzneimittellehre blieb mehr als eineinhalb Jahrtausende das maßgebliche Lehrbuch in der Pharmakologie und Pharmazie. Daher spielte es eine enorme Rolle bei der Verbreitung medizinischer Informationen und prägte das heilkundliche Denken bis in die heutige Zeit. Auch heute noch ist sein Werk ein Führer durch die komplexe Welt der Arzneidrogen.

Über Rizinus schrieb Dioskurides, dass er zwar ungenießbar sei, für medizinische Zwecke aber sehr wohl in mehrfacher Hinsicht geeignet. Vor allem der Einsatz der fein zerstoßenen Samen bewirke, dass Schleim, Galle und Wasser durch den Bauch abgeführt werden, was allerdings unangenehm sei, weil es den Magen heftig erschüttere. Zudem könne man damit auch Pickel und Sommersprossen behandeln, indem man Umschläge auflegt. Die Blätter der Rizinuspflanze wirkten Ödemen, Augenentzündungen, geschwollenen Brüsten aufgrund entzündeter Milchdrüsen, Tumoren und Wundrosen (Erysipel) entgegen. Im nichtmedizinischen Bereich erwähnte er die gute Brennbarkeit und daher den Einsatz als Lampenöl.

Auf dem Weg nach Deutschland

Erst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelangte Rizinus nach Deutschland. Hier verbreitete er sich jedoch sehr schnell und wurde bald in vielen Gärten angepflanzt.

In der Heilkunde wurde er damals nur äußerlich verwendet, nämlich bei Hautkrankheiten.

Die Autoren von Heilpflanzenbüchern des 16. Jahrhunderts übernahmen hauptsächlich die Empfehlungen und Angaben von Dioskurides. So schrieb zum Beispiel Hieronymus Bock (1498 – 1554) den Samen eine abführende Wirkung zu, äußerlich setzte er Rizinus gegen Hautflecken und Ausschläge ein. Hierfür empfahl er, Blätter als Kompressen aufzulegen.

Erst die Kräuterbücher des 18. Jahrhunderts beschrieben den Einsatz der Samen zur Wurmbekämpfung, rieten aber zugleich zu vorsichtiger Anwendung, da schon damals deren Giftigkeit bekannt war. Äußerlich wurde Rizinusöl gegen Hautflechten aufgetragen.

Valentini schrieb im Jahr 1714 über die »Zeckenkörner«: »Diese Körner haben eine sehr starke purgierende Kraft und treiben den zähen Schleim, Galle und anderen Unrat oben und unten aus.« Ein pharmakologisches Werk in Württemberg empfiehlt im Jahr 1741, das Öl auf gelähmte Glieder aufzutragen oder es einzunehmen, um Serum auszuführen.

Seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts wird in den Arzneipflanzenbüchern kaum mehr über die Wirkung der Samen geschrieben, statt dessen beschäftigt man sich mit dem Rizinusöl. Am Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Beliebtheit von Rizinus allgemein rapide ab und seine Anwendung wurde auf die Wirkung als mildes Abführmittel reduziert.

Die weltweite Verwendung von Rizinus

Bevor wir in den nächsten Kapiteln auf die Wirkung des Rizinusöls eingehen, wollen wir zunächst noch darstellen, wie und wo der Rizinus Anwendung findet. Dabei eines gleich vorweg: Diese Aufzählung soll Ihnen nur einen Eindruck vermitteln; insbesondere die Angaben über die Einnahme von Samen sind keineswegs zur Nachahmung empfohlen. Wie Sie später noch lesen werden, ist das darin enthaltene Ricin ein extrem starkes Nervengift, das zu Langzeitschäden und sogar zum Tod führen kann!

In Indien verwendet man die Rizinuspflanze seit jeher. Schon in den Susruta Atharvaveda, den Zauberliedern, die einen Teil der Vedas (zählen zu den ältesten heiligen Schriften der Inder und werden dem Zeitraum um 2000 v. Chr. zugeordnet) ausmachen, wird Rizinus als einheimische Pflanze erwähnt, deren Öl in Lampen verbrannt wird. In verschiedenen indischen Sprichworten gilt die Pflanze als Symbol für Zerbrechlichkeit.

In der indischen Volksmedizin verwendet man das Rizinusöl traditionell als abführendes Mittel. Doch auch hier reibt man es in die Haut ein, zum Beispiel bei Schwellungen und Schmerzen aller Art. Außerdem setzt man auch die anderen Teile der Pflanze ein, so macht man zum Beispiel Umschläge aus Rizinussamen gegen rheumatische Schwellungen, Gichtbeschwerden und Lymphknotenschwellungen. Ein Absud aus der Wurzel wird mit Pottasche vermischt und bei Hexenschuss, Rheuma und Ischias aufgetragen. Bei Fieber kocht man die Wurzel mit Milch auf und trinkt sie dann heiß und schluckweise. Dasselbe Getränk wirkt auch bei Durchfall. Weiterhin können die Rizinusblätter zu einem Umschlag verarbeitet und bei Hautschwellungen und Furunkeln appliziert werden. Um Würmer auszutreiben, taucht man die Blätter in heißes Kokosöl und legt sie auf die Haut.

Wöchnerinnen reiben ihre Brüste mit Rizinusöl ein, um die Drüsen zu stimulieren und so die Milchproduktion zu fördern. Rizinus, als Haaröl täglich einmassiert, heilt Schuppen und stimuliert den Haarwuchs. Selbst bei Hämorrhoiden verabreicht man Rizinusöl, weil es Kot, Schleim und Blähung austreibt und so die Hämorrhoiden zum Abheilen bringt. Die Inder benutzen die Samen auch, um Entzündungen der Genitalien zu heilen und um Produktion und Ausfluss von Samenflüssigkeit zu vermehren …

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