Die heilende Kraft der Tiere

Unsere Vorfahren wussten um den heilenden und stärkenden Einfluss der Tiere auf den Menschen. In zahlreichen Mythen, Legenden und Geschichten hielten sie die besonderen Eigenschaften einzelner Tiere fest. Doch der moderne Mensch hat diese Zusammenhänge weitgehend aus den Augen verloren. Die fruchtbare und äußerst hilfreiche Beziehung zwischen Mensch und Tier kann aber neu entstehen, wenn Entfremdung und Distanziertheit überwunden werden. Dieses Buch zeigt den Weg, wie wir das Potential für körperliches und seelisches Wohlbefinden nutzen können. Schließlich kann der Mensch durch Tiere Kraft schöpfen, Ruhe finden und ihre positiven Wesenszüge wie bedingungslose Liebe, Geduld, Demut, Intuition und Rhythmus annehmen.

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Leseprobe

Die heilende Kraft der Tiere

Visualisierungen, Meditationen und Übungen für mehr Selbstschutz, Flexibilität und Lebensfreude

Zu Urzeiten sah sich der Mensch dem Tier nicht ebenbürtig, ganz im Gegenteil: Tiere verfügten über Qualitäten, die dem Menschen fehlten. So kam er auf die Idee, sich mit dem Tier zu verbinden, sein Verhalten, seine Reaktionen und Lebensweisen zu studieren. Bei Bedarf rief er den Geist des Tieres an und bat ihn um Beistand.

Indem sich der Mensch mit einem bestimmten Tier verband, konnte er dessen Qualitäten annehmen und integrieren, zum Beispiel die Gewandtheit des Tigers oder die Kraft des Bären für die Jagd.

Heute meint der Mensch, über die Natur erhaben zu sein. Er glaubt, sie kontrollieren zu können, Macht über sie zu besitzen. Und tatsächlich, wir können Wolkenbrüche auslösen, Flüsse begradigen, auf die Tierpopulation Einfluss nehmen. Die Gentechnik will gar erforschen, wie man Tiere entsprechend menschlicher Bedürfnisse verändern kann.

Aber die Rechnung geht nicht auf: Katastrophen wie Überschwemmungen, Ausbreitung von hartnäckigen Schädlingen etc. sind die Folge. Daneben geht dem Menschen noch eine ganz wesentliche Chance verloren, nämlich von der Natur und den einzigartigen Wesen zu lernen, die sie hervorbringt. Er versäumt es, sich von ihnen inspirieren und leiten zu lassen, obwohl er dadurch mehr Gesundheit und eine höhere Lebensqualität erlangen könnte.

Mit diesem Buch wollen wir an die besonderen Kräfte und Qualitäten erinnern, die der Mensch aus der Tierwelt schöpfen kann. Im ersten Teil geben wir Ihnen einen kurzen Überblick über die Geschichte der Beziehung zwischen Mensch und Tier, welche ein untrennbarer Bestandteil unserer Kultur- und Geistesgeschichte ist. Dann werfen wir einen Blick auf die besonderen Fähigkeiten jener Tiere, mit denen der Mensch in den westlichen Industrienationen noch am ehesten in Kontakt kommt: Katze, Hund, Pferd, Hase, Fisch und Vogel. Wir stellen Ihnen das Konzept vor, dass jeder Mensch einen Begleiter in der Tierwelt hat, den er ansprechen und um Beistand bitten kann.

Und am Ende, das jedenfalls wünschen wir Ihnen, werden auch Sie sehen, dass es eine Bereicherung für Ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden ist, sich mit der Welt der Tiere zu beschäftigen. Folgen Sie dem Ruf der Pawnees! 

Über die Beziehung des Menschen zum Tier

Bevor wir uns in diesem Buch einzelnen Tieren widmen, auf ihre besonderen Qualitäten und Wesenszüge eingehen und das aufzeigen, was der Mensch von ihnen lernen kann, möchten wir zunächst einen kurzen Überblick darüber geben, wie sich die Beziehung des Menschen zum Tier im Laufe der Jahrtausende entwickelt hat. Dies ist zum einen wichtig, um den Ansatz des Buches zu verstehen, zum anderen, um das Potential zu erkennen, das in der Beschäftigung mit diesem Thema verborgen liegt.

Von der ersten Begegnung bis zur Seelenverwandtschaft

Es dauerte extrem lange, bis der Mensch einen aufrechten Gang entwickelte und sich somit von den anderen Vierbeinern unterschied. Evolutionsgeschichtlich betrachtet gibt es einen gemeinsamen Ursprung vom Menschen und manchen Tierarten, wie zum Beispiel dem Affen, und aus biologischer Sicht hat der Mensch vieles mit Säugetieren gemeinsam. Daher ist anzunehmen, dass die Urmenschen Tiere als ihresgleichen anerkannten, sie als Geschöpfe verstanden, die zwar anders aussahen als sie, sozusagen einem anderen Stamm angehörten, aber doch so etwas wie Geschwister für den Menschen waren.

Die innere Abgrenzung zwischen Mensch und Tier war nicht tief. Man kann sich das als ein gefühlsmäßiges und instinktives Miteinander vorstellen. Der Kontakt des Menschen zum Tier war aber auch vom praktischen Nutzen bestimmt: Der Mensch jagte und erlegte Tiere, um sich zu ernähren und zu überleben; er aß Fleisch und Eier, trank die Milch. Jahrtausende später, als er begann sich zu bekleiden und seine handwerklichen Fähigkeiten zu entdecken, verwendete er Leder und Haar zur Herstellung von Kleidung und Knochen als Werkzeug.

Um ein Tier zu erlegen, bedarf es der genauen Kenntnis seiner Gewohnheiten. So musste der Mensch Tiere beobachten, verfolgen und »studieren«. Auf diese Art und Weise erfuhr er vieles über sie, lernte aber auch von ihnen. Er sah, wie sie auf Nahrungssuche gingen, und fand dadurch heraus, welche Pflanzen essbar waren. Er beobachtete die Tricks, die sie auf der Jagd anwendeten und ahmte vieles davon nach. Und er lernte aus ihrem Zusammenleben.

Der Mensch stellte sich in seiner Lebensweise auf bestimmte Tiere ein, teilte in gewisser Hinsicht ihre Lebensgewohnheiten. Dadurch entstand eine psychische und emotionale Beziehung.

Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass zum Beispiel Hunde schon im Paläolithikum (Altsteinzeit, der älteste Abschnitt der Menschheitsgeschichte, deren Dauer auf etwa zwei bis drei Millionen Jahre geschätzt wird) den Menschen begleiteten und sich Mensch und Hund gegenseitig beistanden.

In den Gräbern vieler Frühkulturen fand man Überreste von Tieren, vor allem von Hunden und Pferden. Aus welchen Gründen auch immer waren diese Tiere hoch geschätzt, denn sie wurden ihren Herren auch nach deren Tod zur Seite befohlen.

In das nutzorientierte Denken flossen bald auch andere Überlegungen mit ein. Tieren, die Gutes brachten (zum Beispiel Zugvögel die Wärme) wurden auch andere positive Fähigkeiten zugeschrieben. Schritt für Schritt veränderte sich so die Einstellung des Menschen gegenüber seinen Mitwesen. Er dichtete ihnen positive und negative Eigenschaften an, die weit über das tierische Verhalten hinausgingen, ja, er stilisierte manche Tiere sogar zu Gottheiten.

Die symbolische Bedeutung der Tiere

Aus der Geschichte wissen wir, dass sich Menschen schon in grauer Vorzeit beim erlegten Wild bedankten, es sogar um Verzeihung baten. Der Jäger brachte damit seine Ehrfurcht zum Ausdruck. Dies lässt sich so erklären: Die Gottheit schickt dem Menschen Tiere, um sie am Leben zu erhalten. Das Tier wird zum Opfer, sein eigenes Leben dient einem anderen Wesen zum Überleben. Der Mensch drückt also zum einen seinen Respekt vor der Gottheit und seine Anerkennung und Dankbarkeit dafür aus, dass sein Überleben vom Fleisch des Tieres abhängig ist. Zum anderen wird das Fleisch des Tieres verzehrt, verdaut, zum Fleisch des Jägers. Jäger und Erjagtes verschmelzen zu einer Einheit – ein fast mystisch zu nennendes Geschehen.

Daher war auch das Töten eines Tieres nicht ein bloßes Schlachten, sondern ein Ritual. Diese Gedanken über den verantwortlichen Umgang mit Tieren fanden später Eingang in Mythos, Religion und Philosophie.

Die frühgeschichtlichen Jäger glaubten an eine Art Tier-Gottheit, ein symbolisches »Ober-« oder »Meistertier«. Indem der Mensch das Obertier (stellvertretend für alle Tiere) verehrt, wird das Tier durch das Ritual immer wieder neu geboren.

Bei vielen Indianerstämmen gilt der Büffel als das Obertier. Für die Indianer der Nordwestküste Amerikas ist es der Lachs. In Afrika wird vor allem der Elefant, aber auch die Antilope als Obertier betrachtet.

Diese symbolisch ausgedrückte Ehrfurcht ist durch die unzähligen bildlichen Darstellungen dokumentiert. Dazu gehören Höhlengemälde und Grabfunde wie Plastiken, Schmuck in Form von Tieren etc. sowie die späteren schriftlichen Zeugnisse der Hochkulturen. Kaum anzuzweifeln ist, dass die Maler jung-paläolithischer Tierdarstellungen in den Tieren beseelte Wesen sahen. Es muss ihnen ein existentielles Bedürfnis gewesen sein, sich in das Wesen der Tiere gedanklich und emotional zu versenken.

Die Höhlenmalereien drücken zugleich die urtümliche Naturverbundenheit aus. Die Darstellungen sind hierbei nicht als Porträt eines Tieres zu verstehen, sondern als Versuch, Mitwesen symbolisch darzustellen, stellvertretend für die besonderen Kräfte in der Natur. An dem erstaunlich realistischen Felsengemälde von Altamira im heutigen Spanien, das circa 15.000 bis 10.000 vor Christus angefertigt wurde, zeigt sich, dass der Künstler Mitgefühl für das Tier hatte. Ein bewegendes kleines Gemälde stellt ein verletztes Wisent dar, das am Boden zusammengebrochen ist.

Die Kunst und Hieroglyphen der alten Ägypter bezeugen später diese symbolhafte Komponente, also die Idee, das Tier stellvertretend für eine Kraft, ein Phänomen, Ereignis oder eine Energie zu sehen. Ihre genaue, überraschend detaillierte Darstellungsweise, vor allem der tierischen Gottheiten, unterstreicht das innige Verhältnis, das sie zur Tierwelt pflegten.

Die Löwin galt als Erscheinungsform der Kriegsgöttin Sech-met, die auch Krankheiten senden oder heilen konnte.

Die Göttin des Himmels Hathor wurde in Kuhgestalt verehrt. Das Symbol des Falken stand als Hieroglyphe für den Sonnengott Horus.

In dieser Phase der ägyptischen Kultur wurden auch Gefäße und andere Gebrauchsobjekte mit Tierdarstellungen geschmückt; sie sollten die Kräfte des jeweiligen Tieres auf den Gegenstand übertragen.

Auch in der Geschichte der chinesischen Kunst finden sich zahlreiche Beispiele: Große und kleine Tiere legen die Ordnung der Natur offen. Der Mensch, der sich von diesen Kunstwerken beeindrucken ließ, sollte in die Harmonie der Natur einbezogen werden und verstehen: Das Tier lebt mit dem Menschen in einem ungestörten Verhältnis; zusammen sind sie Teil der einen großen Weltordnung.

Der »Physiologus«: eine Dokumentation der Tiersymbolik

Die Tiersymbolik des europäischen Mittelalters ist in den sogenannten Bestiarien (lat. bestia: »wildes Tier«) begründet. Die Bestiarien sind allegorische Tierbeschreibungen griechischen Ursprungs, die in das vorchristliche Gedankengut integriert wurden. Als eines der bedeutenden Bestiarien gilt der »Physiologus« (zu deutsch: »Der Naturkundige«). Das Werk entstand vermutlich in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts in Alexandria. Im 4. Jahrhundert wurde es aus dem Griechischen ins Lateinische übertragen. Um 1070 übersetzte man das Werk wahrscheinlich erstmals ins Deutsche.

Dieses Standardwerk ist nicht nur eine Dokumentation von anatomischen und physiologischen Fakten, in ihm sind auch die damals verbreiteten symbolischen Bedeutungen der Tiere zusammengefasst, die vor allem als Verkörperungen der guten und schlechten Eigenschaften des Menschen oder der menschlichen Seele zu verstehen sind. Das Tier spiegelt also zum einen den Menschen wider, zum anderen ist dies Ausdruck für die tiefe Beziehung zwischen Mensch und Tier. Der »Physiologus« wird oft als Volksbuch angesehen, als ein Stück tatsächlicher Tierkunde vermischt mit einer guten Portion Aberglauben oder gar Magie.

Das Werk übte einen großen Einfluss auf das mittelalterliche Kulturleben aus, wie auf die Auswahl der Tiersymbole an romanischen Kirchen, in Tierbüchern und -texten. Auch später, zum Beispiel in der Renaissance bezog man sich noch in Heraldik, Dichtkunst und Buchmalerei auf dieses Werk.

»Der Hase ist ein guter Läufer. Wenn er gejagt wird, flieht er in felsiges und ansteigendes Gelände, und dann werden die Hunde samt dem Jäger müde und haben nicht Kraft ihn zu erjagen, und so kommt er heil davon.

So auch du Mensch, so du verfolgt wirst von den feindlichen Mächten samt dem Jäger, dem Teufel, der Tag für Tag danach trachtet, dem Menschen nach dem Leben zu stellen; suche den Felsen und die Höhen, von welchen auch David sagt: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher mir Hilfe kommen wird.«

(Aus: Der Physiologus. Übertragen und erläutert von Otto Seel. Zürich, Stuttgart 1960.)

Hildegards »Physica«

Verfasserin dieser außerordentlichen Sammlung der Heilkunst war die Benediktinerin Hildegard von Bingen (1098 – 1179). Man datiert die Entstehung ihrer »Physica« auf die Jahre zwischen 1150 und 1158. Es ist ungewiss, wieviel von diesem Werk aus der Feder Hildegards selbst stammt und was davon später durch andere Autoren hinzugefügt beziehungsweise interpretiert wurde.

Dieses Werk handelt von der Lehre der Heilkräfte, die sowohl in Vögeln, Fischen, Reptilien und anderen Tieren als auch in Pflanzen, Bäumen, Steinen, Metallen und den Elementen enthalten sind. Hildegard beschrieb die energetische Wirkung dieser natürlichen Substanzen auf Körper und Geist des Menschen.

Sie betrachtete Mensch und Tier als unzertrennliche Teile der einen Schöpfung Gottes und damit als ein energetisches Gefüge. Daher stellte sie auch oft symbolische Bezüge zwischen Tieren und Menschen her.

»Der Löwe ist sehr warm, und er hat von der Kraft des Menschen in sich und die Natur der Tiere ... Und er kennt den Menschen, und wenn er in seiner Wut den Menschen verletzt hat, schmerzt es ihn nach der zugefügten Verletzung.«

(Aus: Hl. Hildegard von Bingen. Heilkraft der Natur. »Physica«. Augsburg 1991.) 

Legenden und Mythen

Früher glaubte sich der Mensch (bestimmte Naturvölker tun es heute noch) in seinem Wesen mit dem Tier verwandt. Diese Annahme erklärt vieles, was uns in Mythen und Religionen, in Legenden, Märchen und Fabeln, in der Volksphantasie und im Aberglauben überliefert wurde.

In den mythologischen Traditionen vieler Völker leben und handeln Tiere kaum anders als der Mensch. Wenn sie nicht sogar als höhergestellt (als Führer, Weise oder Lehrer) oder gottähnlich gesehen wurden, findet man Tier und Mensch oft auf derselben Entwicklungsstufe angesiedelt. Und weil ihre Existenzformen häufig zum Verwechseln ähnlich sind, kommt es leicht zum Austausch der Naturen: Menschen schlüpfen in Tiergestalt, Tiere verwandeln sich in Menschen. Um nur einige Beispiele zu nennen: der Zentaur (halb Mann, halb Pferd), die Meerjungfrau (weibliche Gestalt mit Fischschwanz), die Sphinx (der Leib eines Löwen mit Menschenkopf). Ja, in den Legenden mancher Völker werden sogar Ehen zwischen Mensch und Tier geschlossen.

Die Menschen fühlten sich ursprünglich mit den Tieren derart verbunden, dass sie ihnen in vielen Entstehungsmythen herausragende Rollen als Schöpfer oder Götter zudachten. Diese Vorstellungen gehen über bloße Verwandtschaft hinaus, denn demnach gelten Tiere als dem Menschen überlegen.

Der Stamm der Yao im nördlichen Mozambique erzählt, dass es am Anfang keine Menschen, sondern nur friedliche Tiere gab. Dann fing ein Chamäleon beim Angeln zwei kleine Menschen in seinem Netz und setzte sie auf die Erde.

Die Pelasger, die das heutige Nordgriechenland etwa um 3500 vor Christus bewohnten, glaubten an eine Göttin in Taubengestalt, die ein Ei legte, aus dem dann das ganze Universum entstand. Ähnliches findet man im finnischen Nationalepos Kalevala. Darin heißt es, dass eine wunderschöne Krickente sieben Eier legte, aus denen das ganze Universum geschaffen wurde.

Im indischen Vishnu Purana, das circa 300 nach Christus niedergeschrieben wurde, aber auf uralten Mythen basiert, steht, dass die Welt durch den Gott Brahma in Form eines Wildschweins geschaffen wurde; es grub die Erde mit seinen Hauern aus dem Urwasser aus.

Nach den Chuckchi Eskimos, die im Nordosten Sibiriens beheimatet sind, wurden die Menschen aus den Knochen eines Seehundes geschnitzt.

Die Joshua Indianer im südlichen Oregon erzählen sich, der Mensch sei vom »Great Spirit«, dem großen Geist, geschaffen worden – allerdings erst nach zwei Fehlschlägen, bei denen der »Great Spirit« Hunde und Schlangen hervorbrachte.

Die kalifornischen Wyot-Indianer dagegen glauben, dass sie von einem Kondor und seiner Schwester abstammen.

Die Salishan-Sahaptin Indianer im Nordwesten der USA sind überzeugt davon, dass ihre Urahnen keine Menschen waren, sondern Wölfe.

Die Cupeno Indianer in Kalifornien glauben, dass der Kojote eine besondere Rolle bei der Schöpfung der Welt spielte.

Die Cherokee Indianer, die im Südwesten der USA leben, ehren vor allem den Bussard und den Wasserkäfer. Ihrer Meinung nach halten diese beiden Tiere das ganze Universum zusammen.

Die Yururo Indianer Venezuelas nehmen an, dass Erde und Wasser von einer Wasserschlange und einem Jaguar geschaffen wurden, lange bevor es überhaupt Menschen gab.

Die Mundurucu in Brasilien glauben, dass ein Gürteltier dem großen Schöpfer half, Menschen auf die Erde zu bringen.

Nach Ansicht der Salinan Indianer Kaliforniens war es der Adler, der durch seine Schlauheit die Welt vor einer vernichtenden Urflut rettete.

Fabeln und Märchen

Viele Fabeln und Märchen dokumentieren die urtümliche Beziehung unserer Ahnen zur Tierwelt. Plötzlich sind die Naturgesetze aufgehoben, und ein Wunder geschieht. Tiere können sprechen, sie verkehren mit dem Menschen auf einer Ebene, werden zu machtvollen Helfern, Lehrern, Freunden, Boten und Heilem.

Wer kennt nicht aus seiner Kindheit den ebenso gerissenen wie treuen Kater mit den riesigen Stiefeln, der seinem Herrchen, einem Müllersburschen, zu einem glücklichen neuen Leben verhilft. Durch seine List wird aus dem armen Müllerssohn sogar ein Graf, der sich mit einer Prinzessin vermählt.

In der Geschichte vom gestiefelten Kater werden die Nuancen einer wechselseitigen Beziehung zwischen Mensch und Tier einfühlsam vermittelt. Der Kater ergänzt sich mit seinem Herrn, hilft ihm mit menschlichen Charaktereigenschaften, die dieser selbst nicht hat: Entschlossenheit, Durchsetzungsvermögen, Mut. Tierischer Rat und Beistand werden in dieser Geschichte vom Menschen ernstgenommen und sogar belohnt:

»Da ward die Prinzessin mit dem Grafen versprochen, und als der König starb, ward er König, der gestiefelte Kater aber sein erster Minister.«

(Aus: Märchen der Brüder Grimm. Berlin 1937, S. 92.)

»Der gestiefelte Kater«, »Der arme Müllersbursch und das Kätzchen« oder »Der Froschkönig« sind nur einige Beispiele aus unseren Volksmärchen. Hier werden positive und negative Qualitäten anhand tierischer Wesenszüge bildhaft gemacht und so dem Menschen näher gebracht.

Die Bibel: Tiere als Opfer und Partner

In der Bibel spielen zahlreiche Tiere eine Rolle: das Lamm, der Widder, die Taube, der Esel etc. Die jüdisch-christliche Tradition entwickelte allerdings eine andere Beziehung zum Tier. Das Tier wurde geschaffen, um dem Menschen zu helfen und zu dienen. Es steht nicht auf gleicher Ebene mit dem Menschen. Jüdische und christliche Religion vollziehen damit eine geistige Trennung zwischen Mensch und Tier. Anders als bei den Naturvölkern ist in diesen Religionen das Tier dem Menschen nicht ebenbürtig, und es besteht keine Verwandtschaft zwischen den beiden Wesenwelten.

So heißt es im Alten Testament, dass Gott die Tiere erschuf und dann den ersten Menschen Adam als Herrn über sie einsetzte. Er verlieh Adam die Macht, jedem Tier einen Namen zu geben. Abraham opferte einen Widder anstelle seines Sohnes Isaak. Samson war so kräftig, dass er einen Löwen mit bloßen Händen erledigte. Noah war es dann, der den Bestand der Tiere nach der Sintflut gewährleistete. Gott wies ihn an, je ein Weibchen und ein Männchen jeder Art mit in seine Arche zu nehmen. Der Mensch hat nach biblischen Vorstellungen nicht nur Macht, sondern ebenso Verantwortung gegenüber der Kreatur, auch wenn sie ihm untertan ist.

Die besonderen Fähigkeiten der Tiere

Nun haben Sie eine Vorstellung davon, wie das Leben, das Verhalten und die Charakterzüge von Tieren den frühgeschichtlichen Menschen inspiriert haben, und was er von ihnen gelernt hat. Jetzt erfahren Sie mehr über einige Eigenschaften, die vielen Tieren gemeinsam sind, und was die Menschen daraus lernen können.

Im Einklang mit der Natur

Tiere leben synchron mit der Umwelt. Sie sind sozusagen mit dem Herzschlag der Natur verbunden. Instinktiv wissen sie, wann die Sonne aufgeht, wie gefährlich reißende Gewässer sind und wann die Gezeiten kommen. Auf der Jagd entwickeln sie ein schier unerschöpfliches Kraftpotential, das sie im Schlaf vollständig regenerieren. Sie wissen sich auf die verschiedenen Jahreszeiten entsprechend vorzubereiten, indem sie zum Beispiel rechtzeitig Nüsse sammeln, an einen wärmeren Ort fliegen oder sich in den Winterschlaf begeben.

Das Verb »wissen« ist in diesem Zusammenhang nicht im Sinne von »Uhrzeiten kennen« gemeint oder mit dem intellektuellen Gedanken »Ah, in zwei Stunden geht die Sonne auf« zu vergleichen. Es bezieht sich vielmehr auf die automatischen Körperfunktionen, die instinktiven Prozesse, von denen sich das Tier leiten lässt. Ein Tier erwacht entsprechend seiner Bedürfnisse rechtzeitig oder legt sich schlafen. Es besorgt sich Nahrung, wenn es Hunger verspürt, nicht weil es gerade Mittagspause hat. Und es paart sich nur dann, wenn es von seinem Körper dazu animiert wird.

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